BEWEGUNG AUS DER STILLE… esotera 11/2000

Die schwungvollen, dynamischen Bild-Kompositionen der Malerin Renée Rauchalles bilden den menschlichen Körper als "fließende Immaterialität" in harmonischen Farben und Formen ab. Darüber hinaus hält sie in ihren "Schwingungsbildern" Töne und Melodien fest.

Alles fließt. Mal verschwimmen Gelb- und Orangetöne ineinander zu harmonischen Flächen, mal umschlingen sich rote, rosa, lindgrüne Farbströme zu dynamischen Kompositionen. "Sie signalisieren den feinstofflichen Bereich des Körpers. Er besteht aus vielen Schichten, die zu seinem innersten Kern führen. Da will ich hinkommen mit meinen Bildern, erklärt die Schöpferin dieser großformatigen Werke, Renée Rauchalles. "Wenn wir durch alle Schichten gedrungen sind, können wir unsere Einheit spüren. Das ständige Auf und Ab, das Neben-, Über- und Ineinander der Linien zeigt die gegenseitige Abhängigkeit, die ständige Veränderung des inneren Flusses.

Die schwungvollen, dynamischen Kompositionen sollen eine Ahnung vermitteln vom unermesslichen Kosmos unseres Körpers aus Licht, Klang und Energie jenseits der für uns realen Welt". Sie zeigen ihn "aus seinem Gefängnis befreit", unverletzt und unblockiert. In der sichtbaren Realität ist dieser Leib häufig in seinen Funktionen eingeschränkt - so wie es Renée Rauchalles nach einem Unfall erfuhr, der heute 20 Jahre zurückliegt.

In ihrer Bewegungsfreiheit stark behindert, gewann sie durch konsequente tägliche Atemarbeit nach und nach mehr Beweglichkeit zurück. Vor allem aber habe ihr das bewusste Atmen "ungeheure Erkenntnisse" über den Zusammenhang zwischen Bewegungsabläufen am sichtbarem Körper, deren Wirkung nach innen und von dort wieder zurück in die Außenwelt erschlossen.

Ohne diese Grenz-Erfahrung, so weiß sie heute, wären ihre Gemälde nicht entstanden. Denn sie sollen die "Polarität" alles Existierenden zum Ausdruck bringen - ein Thema, das die Künstlerin ständig beschäftigt: "Geburt und Tod, Tag und Nacht, Anfang und Ende, Licht und Dunkelheit, Sichtbares und Unsichtbares, Reales und Irreales - mit meinen Bildern möchte ich zeigen, dass dieser ständige Wechsel, dem alles unterworfen ist, untrennbar zusammengehört."

 

Neben ihren abstrakten "Schwingungsbildern", die "das Losgelöstsein von der Materie" bildlich umsetzen, umfassen ihre Arbeiten - als Gegenpol - auch figurative sozialkritische Bilder, die den Weg des Menschen durch die irdischen Realitäten aufzeigen.

Renée Rauchalles lebt und arbeitet - seit 1987 als freie Malerin - in ihrer Geburtsstadt München. Sie studierte Grafik und absolvierte eine mehrjährige Gesangs- und Schauspiel-Ausbildung.

Diejenigen ihrer Gemälde, die den Körper als "fließende Immaterialität" in Farben und Formen festhalten, tragen "musikalische" Titel, denn Renée Rauchalles will in ihnen auch Töne und Melodien in auf- und niederströmenden Schwingungen festhalten. So projiziert sie die innere Welt in die äußere. Das regt offenbar die Imaginations-Fähigkeit der Betrachter an, denn schon häufig hörte die Künstlerin, dass ihre Bilder bei einigen von ihnen zu einer "Öffnung" oder einem "inneren Loslassen" geführt hätten.

Eines ihrer Werke ist das Triptychon "Ouvertüre", "Kosmischer Trommelwirbel" und "Perpetuum infinitum". Das Bild "Ouvertüre" symbolisiert dabei den Beginn der Geburt, der "kosmische Trommelwirbel" steht für die Geburt selbst: Schmerzvoll tritt der Mensch in sein neu beginnendes Leben ein. "Perpetuum infinitum" versinnbildlicht die ewige Fortsetzung des Kreislaufes von Leben und Sterben.

Renée Rauchalles' Bilder sind Ausdruck sowohl des Traumes von einer gewaltlosen, fried- und freudvollen Welt als auch der Kritik an der Schnelllebigkeit und Hektik der heutigen Zeit, die den Menschen die nötige Ruhe für Körper, Geist und Seele vorenthält. Ihre lichtvollen Farb- und Formenspiele fließen aus der Stille heraus. "Das können wir auch wunderbar in der Natur beobachten", sagt die Künstlerin. "Stille bedeutet nicht Tatenlosigkeit, sondern: Es geschieht."

 

Anne Niemeyer